Nachdem die kriegsbeschädigte Orgel (Klais, 1906) in den 1950ern entfernt worden war, begann 1963 die Geschichte der heutigen Orgelausstattung des Erfurter Domes mit dem Bau einer zweimanualigen, elektrisch angesteuerten Orgel (op. 336, 29 Register) im Hohen Chor durch unsere Werkstatt. Bereits damals war die Errichtung einer neuen Hauptorgel vorgesehen und in dem seinerzeit gelieferten, mobilen Spieltisch mit entsprechenden Registerwippen ergänzend zu den Chororgelregistern vorbereitet worden. Allerdings musste das Projekt 40 Jahre auf seine Realisierung warten:
Erst im Jahr 1992 konnte die große, ebenfalls durch Alexander Schuke Orgelbau errichtete Hauptorgel mit drei Manualen und Pedalwerk im Westende des Domes geweiht werden, allerdings mit einer gegenüber 1963 komplett erneuerten Disposition. Diese erneuerte Disposition der Hauptorgel basiert auf einem barock ausgerichteten Klangkern, der zu einer symphonischen Großorgel mit 63 Registern erweitert ist. Die Hauptorgel konnte so nicht an den alten überdimensionierten Chororgelspieltisch angeschlossen werden, jedoch konnte umgekehrt die Chororgel vom Hauptorgelspielschrank aus spielbar gemacht werden.
Das Orgel-Ensemble des Domes wurde im Jahr 2019 um ein 1996 gebautes, fahrbares Orgelpositiv (I/5) mit historisierender Prospektgestaltung von Bernhard Kutter (Friedrichroda) erweitert.
Alle drei Instrumente haben wir 2023 einer elektronischen Modernisierung unterzogen und zu einer Orgelanlage mit 97 Registern vereint, die alle von einem neuen viermanualigen Zentralspieltisch aus gespielt werden können. Dafür haben wir eine elektrische Steuerung zu den mechanischen Trakturen der Hauptorgel und des Positivs ergänzt und die gesamte Anlage mit einem modernen Setzersystem der Firma Eisenschmid ausgestattet. Die Werkzuordnung zu den Manualen kann am Zentralspieltisch frei gewählt werden. Des Weiteren lassen sich über die Normalkoppeln hinaus Koppeln verschiedenster Art bzw. Intervalle manuell programmieren.
Im Zuge dieser Arbeiten hat die Chororgel einen eigenen, neuen mobilen Spieltisch mit zwei Manualen und einer Registerbedienung per Touch-Monitor erhalten. Klangliche Optimierungen der Chororgel beschränkten sich auf den Einbau eines Generalschwellers sowie den Austausch einer Scharffmixtur (HW) gegen eine Dulciana 8′ englischer Provenienz.
Die Orgeln im Erfurter Dom lassen nun beim liturgischen und konzertanten Musizieren kaum noch Wünsche offen und bieten bei der Beschallung des weitläufigen Raumes spannende Möglichkeiten mit Surround-Effekten.
1604 baute Heinrich Compenius der Jüngere eine Orgel im Dom zu Magdeburg. 1830 kam diese in ein neues Gehäuse und wurde 1856 durch eine Orgel von Adolf Reubke ersetzt. 1896 baute Röver eine Orgel mit 100 Registern im Dom, die dann 1945 im II. Weltkrieg zerstört wurde.
Eine Hahn-Statue von der Original-Orgel von Compenius blieb erhalten, die in einer Vitrine am Fuße der Orgel ausgestellt ist. Der Bau der neuen Schuke-Orgel im Dom wurde 2004 begonnen und im Jahr 2008 fertig gestellt (opus 619).
Sie besitzt 93 Register auf IV Manualen und Pedal, mechanische Ton- und elektrische Registertraktur. Ein Teil der mechanischen Koppeln wird durch Kowalyshyn-Servopneumatik-Hebel (Fisk-Apparate) unterstützt.
Der Compenius-Hahn ist als Kopie im Spieltisch integriert und kann mittels eines Fahrstuhls aus der Orgel gefahren werden. Nur das Krähen muss der Organist selbst an den Tasten übernehmen.
Über der Paradies-Pforte des Magdeburger Doms hat die alte Schuke-Orgel von 1969 (opus 402) ihren Platz mit III Manualen und Pedal sowie 37 Registern. Es gibt jedoch keine Kopplung zwischen den Orgeln (wie in Königsberg oder im Dom zu Erfurt).
Die fünfschiffige gotische Marienkirche in Mühlhausen ist die zweitgrößte Kirche Thüringens und besitzt den höchsten Kirchturm des Bundeslandes. 1891 errichtete Wilhelm Sauer auf der Westempore seine letzte große mechanische Kegelladenorgel vor der Einführung der Pneumatik.
Das Instrument steht auf drei Etagen hinter einem neugotischen Prospekt und zeichnet sich durch französische Einflüsse und eine hochromantische Intonation aus. Sein breit angelegtes Klangspektrum ist grundtönig, aber dennoch klar und zeichnend. Bemerkenswert sind die durchkoppelnden Barkermaschinen sowie das Fagott 16′ in Physharmonikabauweise.
Das Werk ist weitgehend original erhalten. Lediglich in den1970er Jahren fanden unpassende Eingriffe in die Disposition und Intonation statt, die später nur partiell revidiert wurden. In den Jahren 2021 bis 2023 erfolgte durch unsere Werkstatt eine umfassende Restaurierung, bei welcher der ursprüngliche klangliche und technische Zustand wieder hergestellt wurde. Dabei mussten etliche Stimmen zurückgeführt oder rekonstruiert werden. Im Pedal erklingt nun die ehemalige Sauer-Posaune 32′ aus der Nikolaikirche Leipzig als adäquater Ersatz für das zuvor fehlende Register. Eine der bedeutendsten Denkmalorgeln Mitteldeutschlands erstrahlt in neuem Glanz.
Die Orgel der evangelischen Dorfkirche Dallmin zählt nicht nur zu den am besten erhaltenen Instrumenten des norddeutschen Barock, sie gilt auch als älteste Orgel im brandenburgischen Landkreis Prignitz.
Das kleine Gotteshaus ist ein einfacher Saalbau aus Feldsteinen mit Fachwerkturm, der im Kern auf das 13. Jahrhundert zurückgeht und im Laufe der Zeit mehrfach verändert wurde. Die barocke Anmutung des Innenraums wird geprägt von der historischen Ausstattung, allen voran durch den Hochaltar. Die Holztonnendecke aus den 1930er Jahren fügt sich mit ihrer Ornamentmalerei harmonisch in das Ensemble ein.
Auf der rückwärtigen Empore thront die in den Jahren 1722-24 durch Anton Heinrich Gansen errichtete Barockorgel nach dem klassischen Hamburger Prinzip mit auskragendem, fünfachsigen Hauptwerk und beidseits separat in die Brüstung gestellten Pedaltürmen. Diese in der Mark Brandenburg singuläre und für das frühe 18. Jahrhundert bereits konservative Prospektform norddeutscher Tradition geht auf den Erbauer der Orgel zurück.
A. H. Gansen, dessen genaue Lebensdaten unbekannt sind, betrieb seine Werkstatt in Salzwedel und stammte ursprünglich aus Celle, zu deren barocker Stadtkirchenorgel von 1653/1686 Bezüge an der Dallminer Orgel in der Bemalung der Prospektpfeifen und der Disponierung des Dulcian 16' im Pedal erkennbar sind. Von ihm hat außer dem Instrument in Dallmin nur ein weiteres die Zeiten überdauert: die 1721 fertiggestellte Orgel der Klosterkirche Krevese (Altmark) mit 13 Registern, deren Restaurierung ebenfalls unserer Werkstatt übertragen wurde. Die Erkenntnisse aus der Arbeit an beiden Orgeln kamen dem jeweils andern Projekt zu Gute. Die Qualität dieser Instrumente liegt deutlich über dem Durchschnitt seiner Zeitgenossen.
Bis zum Beginn der aktuellen Restaurierung im Jahr 2023 fanden nur wenig Eingriffe in das Orgelwerk statt. 1855 wurde der 2'-Chor der Rauschpfeife innerhalb der Orgel substituierend umgestellt und der Bocktremulant entfernt. 1907 erhielt die Manualklaviatur neue Tastenbeläge und es wurde ein neuer Magazinbalg geliefert. 1935 erfolgte eine restauratorische Wiederherstellung durch unsere Vorfahren in der Potsdamer Orgelbauanstalt Alexander Schuke, wobei u.a. ein elektrisches Gebläse eingebaut wurde. Zu diesem Zeitpunkt wurden die drei im 19. Jahrhundert ausgebauten Zungenregister als Neuanfertigungen in damals moderner Machart wieder ergänzt. Ansonsten beschränkten sich zwischenzeitliche Arbeiten an der Orgel auf kleinere Reparaturen sowie neue Farbfassungen für das Gehäuse in den Jahren 1902 und 1982.
Das Ziel der 2025 vollendeten Restaurierung war die authentische Klangwiederherstellung der Orgel unter weitgehendem Substanzerhalt und Berücksichtigung des Wertes vergangener Restaurierungsmaßnahmen. Als Vergleichsinstrument diente das konzeptionell ähnliche Schwesterinstrument in Krevese. Interessanterweise weist Gansens Bauweise Parallelen zu den Instrumenten von Friedrich Stellwagen auf, die ebenfalls in die Überlegungen eingebzogen wurden. Insgesamt haben wir den Bestand nach denkmalpflegerischen Prinzipien restauriert, veränderte Substanz wieder hergestellt und fehlende Teile im Stil Gansens rekonstruiert.
76 % des Pfeifenbestandes sind original erhalten. Die Pfeifen bestehen aus einer hochprozentigen Bleilegierung, einschließlich des Subbaß 16'. Die Pfeifen befanden sich in einem guten Allgemeinzustand, wiesen allerdings Korrosionsspuren und partiellen Lochfraß durch Bleizucker auf. Die Prospektpfeifen wurden im 20. Jahrhundert wegen des geringen Zinnanteils nicht zu Rüstungszwecken eingezogen und stellen aufgrund ihrer Seltenheit, künstlerischen Gestaltung, hohen Qualität und ihrem noblen Klang ein überaus wertvolles Denkmal dar. Das labiale Pfeifenwerk wurde restauriert, wo nötig zurückgeführt und ergänzt sowie Fremdpfeifen ersetzt. Nachträglich eingebrachte Stimmschlitze wurden zugelötet. Auf die Anlängung beschnittener Pfeifen hingegen wurde bis auf unumgängliche Ausnahmefälle verzichtet. Die relativ uneinheitlichen Pfeifenlängen und ein Vergleich mit der ähnlichen Situation in Bockhorn (Christian Vater, 1722) resultierte in einer Temperierung, die als mitteltönige Fünftel-Komma-Stimmung angelegt ist. Die Tonhöhe beträgt a1 = 460 Hz bei 18 °C.
Die Bauart und Mensurverläufe für die neu in historischer Manier anzufertigenden Zungenstimmen ließen sich anhand von Vorbildern (Trompete in Krevese) und den vorgefundenen Spuren an Stöcken und Anhängevorrichtungen sowie den Platzverhältnissen ermitteln. Die Zungenbecher bestehen aus 96 %iger Bleilegierung, die Stiefel und Köpfe der Zungenregister sind aus Holz gefertigt.
In den Windladen befanden sich noch die bauzeitliche Belederung und Papierung. Auch die Trakturen waren zwar stark abgenutzt, aber – von Reparaturstellen abgesehen – quasi unverändert und funktionierten zum Zeitpunkt des Abbaus trotz einiger stark verzogener Wellen fehlerfrei. Windladen und Trakturen wurden von uns umfassend funktionell und substanziell restauriert. Kleine reversible Lederfalze in den Ventilabzugsösen reduzieren das Spielgeräusch. Die kurzen Spieltrakturwege im Manual und die originalen Trakturteile vermitteln ein authentisches und sensibles Spielgefühl.
Die Maßnahmen umfassten ebenso die Reinigung aller Teile (u.a. im Vakuumwaschverfahren) und die Behandlung gegen Anobienbefall. Für eine schonende Lagerung der historischen Komponenten wurde in der Restaurierungswerkstatt das Mikroklima der Dallminer Kirche durch unsere automatische Klimasteuerung simuliert.
In der eingebauten Spielanlage wurden die Beläge der Manualtasten und die Pedalklaviatur erneuert sowie abgängige Manubrien ersetzt. Die Registerschilder von 1934 wurden belassen. Bemerkenswert sind die mit Marketerien (Einlegearbeit ähnlich Intarsien, jedoch in Furniertechnik) aufwendig verzierten Manualklaviaturwangen. Die überschaubare elektrische Anlage und Beleuchtung wurde vollständig erneuert.
Der Wippfedertremulant wurde als Kopie nach dem Vorbild Krevese neu gebaut. Auch die historische Balganlage mit Balgstuhl haben wir im Rahmen einer komplexen Recherche rekonstruiert. Das vorhandene Ventus-Gebläse konnte beibehalten werden. Alternativ dazu lässt sich die Orgel mit der neuen Tretanlage auch im Kalkantenbetrieb spielen. Der Winddruck beträgt nun 76 mm WS.
Das Gehäuse besteht aus einem eichenen Ständerwerk mit Füllungen und Anbauten aus Kiefernholz. Die geschnitzten Schleierbretter sind aus Linde gefertigt. Die heutige Farbfassung des Gehäuses und des Spieltisches sind von unzureichender Ausführungsqualität, allerdings in Einklang mit der weiteren Kirchenausstattung, so dass eine grundsätzliche Oberflächenrestaurierung nur im gesamten Zusammenhang sinnvoll ist.
Intonatorische Änderungen wurden soweit möglich rückgängig gemacht, so dass die barocke Klanglichkeit uneingeschränkt zum Vorschein kommt. Die Pfeifen sind ausgewogen und gleichmäßig intoniert, jedoch nicht akustisch glattgebügelt. Sie erklingen jeweils mit der ihnen eigenen vokal-frischen Tonsprache und mitunter charakteristischen Ansprachegeräuschen. Das Prinzipalplenum hat Kraft und Fülle. Die Quintadena bringt eine deutliche Färbung in Mischregistrierungen, hat aber auch genug Fundament für solistische Einsätze. Die gemischten Stimmen und kernigen Zungenregister verleihen der Orgel Glanz und eine dem Raum angemessene Strahlkraft. Die Manualtrompete zeigt eine spürbare Präsenz im Solo- und Kombinationsspiel mit anderen Registern. Trotz der gleichen Mensur setzt sich die Pedaltrompete als rundere und obertonärmere Variante ab. Aufgrund des stark besetzten Pedals ist keine Pedalkoppel erforderlich.
In der von größeren Zentren abgelegenen Grenzregion zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern hat sich das repräsentative Instrument über 300 Jahre lang unbeschadet erhalten. Sie zeugt vom Kunstsinn ihrer Erbauer, dem Geltungsbewusstsein der Stifter und der innigen Beziehung der Menschen zu ihrer wertvollen Dorfkirchenorgel. Mit der erfolgreichen Restaurierung ist das Kulturgut für die Zukunft gesichert und der barocke Klangschatz in alter Pracht erlebbar.
Die 1735 errichtete Garnisonkirche in Potsdam wurde während des Zweiten Weltkrieges schwer beschädigt und ihre Überreste durch die DDR-Führung gänzlich beseitigt. Im Rahmen des Wiederaufbaus der geschichtsträchtigen Barockkirche entstand bis 2024 die Hauptfassade mit dem 90 m hohen Turm als Lernort und Versöhungszentrum. Im Turm befindet sich eine neu gestaltete Kapelle, für die wir eine außergewöhnliche Doppelorgel bauen durften.
Das neue Instrument erzählt die Orgelgeschichte der Garnisonkirche, indem die Klanglichkeit sowohl der barocken Ursprungsorgel von Joachim Wagner als auch der untergegangenen romantischen Orgel von Wilhelm Sauer in zwei separaten Orgelwerken aufgegriffen wurde. Die Disposition und die Stimmungssysteme wurden vom Thomasorganist Johannes Lang konzipiert. Prospekt- und Spieltischgestaltung entstanden in Zusammenarbeit mit dem Orgeldesigner
Lothar Zickermann.
In der linken Kammer ist ein klassisch-barock disponiertes Orgelwerk mit 12 Registern untergebracht, die durch Wechselschleifen und Transmissionen mehrfach genutzt werden können. Die romantische Orgel in der rechten Kammer besitzt 10 schwellbare Registerreihen mit diversen Oktavextensionen auf Einzeltonladen. Beide Orgeln werden von einem mobilen, zweimanualigen Spieltisch aus bedient und können aufgrund der aufeinander abgestimmten Temperierungen auch gemeinsam erklingen. Die Registerschaltung erfolgt per Touch-Monitor. Mit der Sinua-Steuerung entstehen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten bei der Kombination und Zuordnung der Pfeifen und Register, in Oktav- und Querkoppeln und programmierbaren Mixturen.
Die Orgel bietet als Multifunktionsinstrument das Potential, besonders junge Menschen zu begeistern, zum experimentellen Musizieren einzuladen und somit auch der Intention eines musikalischen Lernortes gerecht zu werden.
Das erste Projekt unserer Traditionswerkstatt in Finnland haben wir im Jahr 2024 mit dem Orgelneubau für die Kirche St. Peter in Lieto erfolgreich fertiggestellt.
Die EU-weite Ausschreibung zielte auf ein Instrument ab, dessen musikalische Ausrichtung sich an das Werk eines Orgelbauers aus der Zeit der Frühromantik vor 1850 anlehnt. Unser Konzeptvorschlag, die neue Orgel nach dem Vorbild von Friedrich Wilhelm Winzer (1811-1886) zu bauen, überzeugte die Kommission, uns den Auftrag zu erteilen.
Winzer stammte aus Thüringen und erhielt seine Ausbildung bei dem renommierten Orgelbauer Johann Friedrich Schulze. Später war er dessen Werkmeister, bevor er sich in Wismar selbständig machte und in den folgenden drei Jahrzehnten rund vierzig qualitativ hochwertige Instrumente lieferte. Seine Orgeln zeichnen sich aus durch einen kraftvollen Klang und eine reiche Auswahl an Grundstimmen mit sehr charakteristischen Farben, die bereits in die Romantik weisen. Die offene Intonationsweise zeigt dagegen noch spätbarocke Züge. Zu seinen größten Orgeln gehören die Instrumente in Schönberg (1847, II/26) und Wittenburg (1848, II/23), die beide erhalten sind und durch unsere Werkstatt denkmalgerecht restauriert wurden. Durch diese Arbeiten an Orgeln Winzers haben wir umfassende Erfahrungen mit der Bauweise sowie der Mensurierung und Intonation seiner Instrumente sammeln können, die bei dem Orgelneubau in Lieto zur Anwendung kamen und als Ausgangspunkt für die Klanggestaltung aller Registergruppen dienten.
Die final realisierte Disposition umfasst 23 klingende Register, verteilt auf zwei Manuale und Pedal. Darüber hinaus erweitern ein Vorabzug aus der Hauptwerksmixtur und drei Oktavextensionen im Pedal die musikalischen Möglichkeiten. Neben einer reichhaltigen Palette an Grundstimmen bieten farbige Streicher- und Flötenregister, Aliquoten und Zungenstimmen einen vielfältigen Fundus an Klangfarben für solistische und begleitende Aufgaben. Hervorzuheben ist die außen labierte, gedrechselte Flauto traverso 8′ sowie die durchschlagende Posaune 16′.
Die massiv eichene Spielanlage in Winzer-Optik ist seitenspielig angeordnet und mit mechanischer Ton- und Registertraktur ausgestattet. Eine besondere Herausforderung lag in der Konstruktion der Traktur- und Windführung im Orgelunterbau, dessen Platzverhältnisse wegen des tunnelartigen Durchgangs eingeschränkt sind. Alle Windladen sind auf einer Ebene angeordnet: Vorne mittig das Oberwerk, flankiert vom in C- und Cis-Seite geteilten Hauptwerk. Mit dem Abstand eines Stimmganges befindet sich dahinter das Pedalwerk. Die Materialauswahl und Bauweise wurden speziell auf die anspruchsvollen finnischen Klimaverhältnisse hin ausgerichtet. Die Manualtrakturen wurden zudem mit regulierbaren Winkelbalken ausgestattet.
Die Prospektgestaltung wurde vom Architekturbüro NOAN (Helsinki) entworfen und greift neugotische Stilprinzipien auf, wie z.B. fialenbekrönte Lisenen. Die Farbgebung orientiert sich an finnischen Traditionen. Insgesamt fügt sich sich die Orgelansicht harmonisch in den mittelalterlichen gotischen Kirchenraum ein.
Weithin sichtbar erhebt sich die Stadtkirche von Augustusburg auf dem Schellenberg gegenüber dem Jagdschloss, der dem Ort seinen Namen gibt. Die klassizistische Hallenkirche stammt aus dem Jahr 1845 und ersetzt einen durch Brand zerstörten Vorgängerbau. Ihre Turmhaube sowie der Innenraum und seine Ausstattung wurden nach einem weiteren Brand 1893 im historisierenden Neobarockstil unter Bewahrung der Außenfassaden wieder hergestellt. Die lichtdurchflutete Kirche beeindruckt durch eine freundliche Atmosphäre und eine gute Akustik. Die weiß verputzten Wände und Gewölbe des weitläufigen Innenraumes kontrastieren mit der gediegenen Möblierung in dunklem Holz.
Gleichzeitig mit dem Wiederaufbau der Kirche errichtete die Dresdner Orgelbaufirma Bruno & Emil Jehmlich 1896 die heute noch weitgehend erhaltene Orgel – mit 43 Registern damals die größte in ganz Mittelsachsen. Die Pfeifen stehen auf pneumatisch angesteuerten Kegelladen (ursprünglich mit mechanischem Vorgelege) und verteilen sich auf zwei Manuale und Pedal, wobei jedes Werk zwei übereinander angeordnete Windladen besitzt. Das elegante Gehäuse fügt sich mit seiner hellen Fassung und den goldenen Akzenten der neobarocken Ornamentik stilgetreu in die Umgebung ein. Auffällig ist in der Originaldisposition der Reichtum an sinfonischen Klangstimmen. So sind interessanterweise Streichregister zahlenmäßig stärker als Flötenstimmen vertreten (ganz anders als bei z.B. Sauer und Walcker) und die kräftigen Zungenregister im Hauptwerk zeugen von einer orchestralen Funktionalität. Die Klangkronen der Orgel sind kraftvoll, bauen auf die Grundstimmen aber nahtlos auf.
Die 1917 zu Rüstungszwecken beschlagnahmten Prospektpfeifen konnten erst 1930 aus Zinn ersetzt werden. Im gleichen Zuge wurde durch die Firma Schmeißer aus Rochlitz ein neuer Spieltisch eingebaut und das System vollständig auf Röhrenpneumatik umgestellt. In den Jahren 1956-59 erfolgten Umbauten, bei denen die Disposition und der romantische Klangcharakter nach der seinerzeit vorherrschenden Mode verändert wurden. Während dieser Arbeiten wurde die Oberlade des Pedals ersetzt und eine dritte Pedalwindlade Jehmlichs entfernt.
Einen ersten Schritt auf dem Weg zur Wiederherstellung des ursprünglich hochromantischen Klangbildes und zu einer Verbesserung der inzwischen eingeschränkten technischen Funktion unternahm Orgelbau Georg Wünning (Großolbersdorf) 2012-13 mit einer umfassenden Renovierung des Instrumentes und der Überarbeitung bzw. Erneuerung von 6 Registern.
Unsere Werkstatt hat den Auftrag erhalten, die wertvolle und unter Denkmalschutz stehende Orgel auf den Originalzustand zurückzuführen, wozu es einer großangelegten Restaurierung bedarf. Um die musikalischen Nutzungsmöglichkeiten zu steigern, soll das Instrument darüber hinaus ergänzt und mit zusätzlichen Teilwerken, die an unterschiedlichen Positionen im Kirchenraum installiert sind, zu einer Orgelanlage mit 360°-Klangabstrahlung erweitert werden. Die 2024-26 im Rahmen des Projektes auszuführenden Arbeiten umfassen im Einzelnen:
- Restaurierung der historischen Jehmlich-Orgel und Wiederherstellung der Disposition von 1896 mit Rekonstruktion und Rückführung von 11 Registern.
Erweiterung der Disposition, dabei Ergänzung einer dritten Pedalwindlade, eines Auxiliarwerkes mit zwei Registern und zwei Schlagidiophonen (Marimbaphon und Celesta) sowie vier durchschlagende Harmonika-Stimmen. - Erweiterung des Tonumfanges in den Manualen bis c4 und im Pedal bis f1 auf elektrisch angesteuerten Zusatzladen.
- Ergänzung einer elektrischen Traktur unter Beibehaltung der Pneumatik (Doppeltraktur) und des pneumatischen Spieltisches von 1930 ohne Verluste der Originalsubstanz.
- Neubau von zwei kleinen Filialwerken mit zwei Registerreihen und einem Röhrenglockenspiel. Die Klangkörper hängen optisch leicht und homogen zwischen den Fenstern in den vorderen Seitenschiffen.
- Neubau eines reichhaltig besetzten, schwellbaren Teilwerkes auf zwei Etagen in der Apsis hinter dem Altar mit 14 Registern, das dem Klangideal der Hauptorgel entspricht und diese aus der entgegengesetzten Richtung ergänzt.
- Lieferung eines elektrischen Zentralspieltisches auf der Empore, von dem aus alle Teilwerke gespielt werden können. Die elektrische Einzeltonsteuerung der Zubauten ermöglicht die Verwendung der Register in Extensionen und Transmissionen sowie die individuelle Registrierbarkeit auf unterschiedlichen Manualen.
In den Registerergänzungen kommt neben neu hergestellten Pfeifen auch historisches Pfeifenwerk (Schmeißer, 1905) zum Einsatz. Intonatorisch werden alte und neue Register auf Basis der romantischen Jehmlich-Orgel zu einer klanglichen Einheit mit orchestral-sinfonischen Eigenschaften vereinigt. Durch die räumliche Aufteilung der Teilwerke bieten sich ungeahnte Möglichkeiten der Klanggestaltung. Für weitere außergewöhnliche Effekte sorgen acht unterschiedliche, im Raum verteilte Vogelstimmen. Zudem erinnern die großen Pfeifen des Vulcanbass 32‘ an das tiefe Grummeln des erloschenen Vulkans unter dem Schellenberg. Mit Einbeziehung der 64′-Lage wird zudem auch an gehörlose Menschen gedacht, die bei diesen Frequenzen an Musik teilhaben können.
Die zu neuem Leben erweckte Stadtkirchenorgel wird das liturgische, konzertante und pädagogische Musikgeschehen nicht nur mit ihrer wieder hergestellten romantischen Klangpracht bereichern. In Kombination mit den neu hinzugefügten Erweiterungen dürfen Musiker und Zuhörer einzigartige Erlebnisse des Raumklanges erwarten, die eine überregionale Strahlkraft in der reichhaltigen Orgellandschaft Sachsens ausüben.
Die Gemeinde informiert über das Projekt auf einer eigenen Internetseite: https://www.orgel360.de/.
