Gansen-Orgel (1722-1724), Restaurierung 2023-2025
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1722-1724
Die Orgel der evangelischen Dorfkirche Dallmin zählt nicht nur zu den am besten erhaltenen Instrumenten des norddeutschen Barock, sie gilt auch als älteste Orgel im brandenburgischen Landkreis Prignitz.
Das kleine Gotteshaus ist ein einfacher Saalbau aus Feldsteinen mit Fachwerkturm, der im Kern auf das 13. Jahrhundert zurückgeht und im Laufe der Zeit mehrfach verändert wurde. Die barocke Anmutung des Innenraums wird geprägt von der historischen Ausstattung, allen voran durch den Hochaltar. Die Holztonnendecke aus den 1930er Jahren fügt sich mit ihrer Ornamentmalerei harmonisch in das Ensemble ein.
Auf der rückwärtigen Empore thront die in den Jahren 1722-24 durch Anton Heinrich Gansen errichtete Barockorgel nach dem klassischen Hamburger Prinzip mit auskragendem, fünfachsigen Hauptwerk und beidseits separat in die Brüstung gestellten Pedaltürmen. Diese in der Mark Brandenburg singuläre und für das frühe 18. Jahrhundert bereits konservative Prospektform norddeutscher Tradition geht auf den Erbauer der Orgel zurück.
A. H. Gansen, dessen genaue Lebensdaten unbekannt sind, betrieb seine Werkstatt in Salzwedel und stammte ursprünglich aus Celle, zu deren barocker Stadtkirchenorgel von 1653/1686 Bezüge an der Dallminer Orgel in der Bemalung der Prospektpfeifen und der Disponierung des Dulcian 16' im Pedal erkennbar sind. Von ihm hat außer dem Instrument in Dallmin nur ein weiteres die Zeiten überdauert: die 1721 fertiggestellte Orgel der Klosterkirche Krevese (Altmark) mit 13 Registern, deren Restaurierung ebenfalls unserer Werkstatt übertragen wurde. Die Erkenntnisse aus der Arbeit an beiden Orgeln kamen dem jeweils andern Projekt zu Gute. Die Qualität dieser Instrumente liegt deutlich über dem Durchschnitt seiner Zeitgenossen.
Bis zum Beginn der aktuellen Restaurierung im Jahr 2023 fanden nur wenig Eingriffe in das Orgelwerk statt. 1855 wurde der 2'-Chor der Rauschpfeife innerhalb der Orgel substituierend umgestellt und der Bocktremulant entfernt. 1907 erhielt die Manualklaviatur neue Tastenbeläge und es wurde ein neuer Magazinbalg geliefert. 1935 erfolgte eine restauratorische Wiederherstellung durch unsere Vorfahren in der Potsdamer Orgelbauanstalt Alexander Schuke, wobei u.a. ein elektrisches Gebläse eingebaut wurde. Zu diesem Zeitpunkt wurden die drei im 19. Jahrhundert ausgebauten Zungenregister als Neuanfertigungen in damals moderner Machart wieder ergänzt. Ansonsten beschränkten sich zwischenzeitliche Arbeiten an der Orgel auf kleinere Reparaturen sowie neue Farbfassungen für das Gehäuse in den Jahren 1902 und 1982.
Das Ziel der 2025 vollendeten Restaurierung war die authentische Klangwiederherstellung der Orgel unter weitgehendem Substanzerhalt und Berücksichtigung des Wertes vergangener Restaurierungsmaßnahmen. Als Vergleichsinstrument diente das konzeptionell ähnliche Schwesterinstrument in Krevese. Interessanterweise weist Gansens Bauweise Parallelen zu den Instrumenten von Friedrich Stellwagen auf, die ebenfalls in die Überlegungen eingebzogen wurden. Insgesamt haben wir den Bestand nach denkmalpflegerischen Prinzipien restauriert, veränderte Substanz wieder hergestellt und fehlende Teile im Stil Gansens rekonstruiert.
76 % des Pfeifenbestandes sind original erhalten. Die Pfeifen bestehen aus einer hochprozentigen Bleilegierung, einschließlich des Subbaß 16'. Die Pfeifen befanden sich in einem guten Allgemeinzustand, wiesen allerdings Korrosionsspuren und partiellen Lochfraß durch Bleizucker auf. Die Prospektpfeifen wurden im 20. Jahrhundert wegen des geringen Zinnanteils nicht zu Rüstungszwecken eingezogen und stellen aufgrund ihrer Seltenheit, künstlerischen Gestaltung, hohen Qualität und ihrem noblen Klang ein überaus wertvolles Denkmal dar. Das labiale Pfeifenwerk wurde restauriert, wo nötig zurückgeführt und ergänzt sowie Fremdpfeifen ersetzt. Nachträglich eingebrachte Stimmschlitze wurden zugelötet. Auf die Anlängung beschnittener Pfeifen hingegen wurde bis auf unumgängliche Ausnahmefälle verzichtet. Die relativ uneinheitlichen Pfeifenlängen und ein Vergleich mit der ähnlichen Situation in Bockhorn (Christian Vater, 1722) resultierte in einer Temperierung, die als mitteltönige Fünftel-Komma-Stimmung angelegt ist. Die Tonhöhe beträgt a1 = 460 Hz bei 18 °C.
Die Bauart und Mensurverläufe für die neu in historischer Manier anzufertigenden Zungenstimmen ließen sich anhand von Vorbildern (Trompete in Krevese) und den vorgefundenen Spuren an Stöcken und Anhängevorrichtungen sowie den Platzverhältnissen ermitteln. Die Zungenbecher bestehen aus 96 %iger Bleilegierung, die Stiefel und Köpfe der Zungenregister sind aus Holz gefertigt.
In den Windladen befanden sich noch die bauzeitliche Belederung und Papierung. Auch die Trakturen waren zwar stark abgenutzt, aber – von Reparaturstellen abgesehen – quasi unverändert und funktionierten zum Zeitpunkt des Abbaus trotz einiger stark verzogener Wellen fehlerfrei. Windladen und Trakturen wurden von uns umfassend funktionell und substanziell restauriert. Kleine reversible Lederfalze in den Ventilabzugsösen reduzieren das Spielgeräusch. Die kurzen Spieltrakturwege im Manual und die originalen Trakturteile vermitteln ein authentisches und sensibles Spielgefühl.
Die Maßnahmen umfassten ebenso die Reinigung aller Teile (u.a. im Vakuumwaschverfahren) und die Behandlung gegen Anobienbefall. Für eine schonende Lagerung der historischen Komponenten wurde in der Restaurierungswerkstatt das Mikroklima der Dallminer Kirche durch unsere automatische Klimasteuerung simuliert.
In der eingebauten Spielanlage wurden die Beläge der Manualtasten und die Pedalklaviatur erneuert sowie abgängige Manubrien ersetzt. Die Registerschilder von 1934 wurden belassen. Bemerkenswert sind die mit Marketerien (Einlegearbeit ähnlich Intarsien, jedoch in Furniertechnik) aufwendig verzierten Manualklaviaturwangen. Die überschaubare elektrische Anlage und Beleuchtung wurde vollständig erneuert.
Der Wippfedertremulant wurde als Kopie nach dem Vorbild Krevese neu gebaut. Auch die historische Balganlage mit Balgstuhl haben wir im Rahmen einer komplexen Recherche rekonstruiert. Das vorhandene Ventus-Gebläse konnte beibehalten werden. Alternativ dazu lässt sich die Orgel mit der neuen Tretanlage auch im Kalkantenbetrieb spielen. Der Winddruck beträgt nun 76 mm WS.
Das Gehäuse besteht aus einem eichenen Ständerwerk mit Füllungen und Anbauten aus Kiefernholz. Die geschnitzten Schleierbretter sind aus Linde gefertigt. Die heutige Farbfassung des Gehäuses und des Spieltisches sind von unzureichender Ausführungsqualität, allerdings in Einklang mit der weiteren Kirchenausstattung, so dass eine grundsätzliche Oberflächenrestaurierung nur im gesamten Zusammenhang sinnvoll ist.
Intonatorische Änderungen wurden soweit möglich rückgängig gemacht, so dass die barocke Klanglichkeit uneingeschränkt zum Vorschein kommt. Die Pfeifen sind ausgewogen und gleichmäßig intoniert, jedoch nicht akustisch glattgebügelt. Sie erklingen jeweils mit der ihnen eigenen vokal-frischen Tonsprache und mitunter charakteristischen Ansprachegeräuschen. Das Prinzipalplenum hat Kraft und Fülle. Die Quintadena bringt eine deutliche Färbung in Mischregistrierungen, hat aber auch genug Fundament für solistische Einsätze. Die gemischten Stimmen und kernigen Zungenregister verleihen der Orgel Glanz und eine dem Raum angemessene Strahlkraft. Die Manualtrompete zeigt eine spürbare Präsenz im Solo- und Kombinationsspiel mit anderen Registern. Trotz der gleichen Mensur setzt sich die Pedaltrompete als rundere und obertonärmere Variante ab. Aufgrund des stark besetzten Pedals ist keine Pedalkoppel erforderlich.
In der von größeren Zentren abgelegenen Grenzregion zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern hat sich das repräsentative Instrument über 300 Jahre lang unbeschadet erhalten. Sie zeugt vom Kunstsinn ihrer Erbauer, dem Geltungsbewusstsein der Stifter und der innigen Beziehung der Menschen zu ihrer wertvollen Dorfkirchenorgel. Mit der erfolgreichen Restaurierung ist das Kulturgut für die Zukunft gesichert und der barocke Klangschatz in alter Pracht erlebbar.

| I. Manual C, D, E - c''' |
|---|
| 1. Principal 8’ |
| 2. Gedackt 8’ |
| 3. Quintadena 8' |
| 4. Octave 4' |
| 5. Rauschquinte 2f. 2 2/3' |
| 6. Octave 2' |
| 7. Mixtur 3f. 1 1/3' |
| 8. Trommeta 8' |
| Pedal C, D, E - c' |
|---|
| 9. Sub Baß 16’ |
| 10. Principal 8’ |
| 11. Octave 4' |
| 12. Mixtur 3f. 1 1/3' |
| 13. Dulcian 16' |
| 14. Trommeta 8' |
Tremolant
3 Keilbälge mit Tretanlage
Winddruck: 76 mm WS
Modifizierte Fünftel-Komma-Stimmung (a' = 460 Hz bei 18 °C)